Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis (11.07.2021) Pfarrer Dr. Christoph Weiling Heute sind die Abschlussverse aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 28, zu bedenken: 16 Die Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Liebe Gemeinde! Die Worte des sogenannten Tauf- oder auch Missionsbefehls sind uns vertraut. Sie werden anlässlich jeder Taufe gelesen. Doch gibt es eine Randbemerkung, die meist überlesen wird und stutzig macht: „Etliche aber zweifelten.“ Wie das? Ist nicht die Gegenwart des Auferstandenen etwas, was alle Zweifel vertreiben müsste? Mit einem Mal kommt da etwas sehr Menschliches in diese fantastische Geschichte hinein. Denn die Jünger glauben und folgen nicht blind. Heute höre ich von vielen: „Ich glaube nur, was ich sehe.“ Die Jünger sehen aber sogar, was sie glauben, und zweifeln dennoch. Weshalb? Offenbar ist dieses Sehen selbst zu außergewöhnlich, zu einzigartig und unbeschreiblich, als dass es mit dem normalen Alltagssehen verglichen werden könnte. Es ist doch erstaunlich: den Auferstandenen haben nicht alle sehen können. Pilatus, Herodes, der Kaiser in Rom bekamen nichts zu sehen. Das Sehen der Jünger war etwas Besonderes, ein Gottesgeschenk an sie. Und Zweifel sind da, weil man es nicht festhalten kann. Ich bin mir sogar sicher, dass man dieses Sehen nicht einmal hätte fotografieren können. Es spielt sich im Herzen ab. Mit dem Schauen ist aber auch ein Hören verbunden, denn die Jünger bekommen gesagt: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ So wie Jesus selbst von Gott in die Welt gesandt worden ist, so werden nun auch die Jünger gesandt. Zu allen! Kein Volk und keine Rasse sind ausgeschlossen. Kein Geschlecht und keine Klasse. Der Taufbefehl ist prinzipiell antidiskriminierend, ist prinzipiell antirassistisch. Wenn du Jesus ernst nimmst, kannst du nicht länger mehr Rassist sein. Entscheidest du dich dennoch dafür, kannst du ernsthaft kein Christ sein. Christentum und Rassismus gehen nicht zusammen! Aber hingehen müssen die Jünger in jedem Fall. Denn die Macht, die Jesus verkörpert, heilend und helfend, sie wirkt vor allem in der direkten Begegnung, im Wortwechsel, im Austausch, im gemeinsamen Lernen, Lesen, Hören, im Trösten, Füreinander-Dasein. Das Evangelium nennt konkret drei Schritte: Taufen und Lehren und Halten, was Jesus gesagt hat. Diese drei Schritte greifen ineinander. Das heißt: Die Taufe mit Wasser allein reicht nicht. Der Täufling muss einmal auch nachvollziehen, dass die Liebe Gottes in Christus die wichtigste Macht in seinem Leben sein soll. Heute redet man vielfach von Jesus als unserem Bruder oder von Jesus als unserem Freund. Wir sollten nicht ausblenden, dass Christinnen und Christen über Jahrhunderte Jesus vor allem den HERRN genannt haben, ihren HERRN. Das schließt alle Beliebigkeit aus, schließt dafür seinen bleibenden Beistand ein. Denn: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Meine Welt endet einmal. Aber bis dahin begleitet mich Gottes Liebe – und immer weiter: bis über den Horizont hinaus. Amen.
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